Ein Sozialarchiv für Luxemburg?

Sozialen Umbruch dokumentieren
Institutionen, Vereinigungen und Bibliothek als mögliche Partner

VON BIRGIT PFAUS-RAVIDA (Luxemburger Wort)

„Soziales Wissen“ – das kann vieles beinhalten: das Wissen um die Entwicklung sämtlicher gesellschaftlicher Probleme, seien es Globalisierung, Migration oder Veränderungen der Arbeitswelt. Dokumentationen und Schriften zu diesen Themen werden immer wieder herausgegeben, ob von Vereinen, Initiativen, Stiftungen oder Parteien. Doch wo finden sie sich gesammelt und geordnet? Eine solche Funktion könnte ein Sozialarchiv erfüllen. In Luxemburg soll jetzt ein solches gegründet werden.

„Der trinkende Arbeiter denkt nicht, der denkende Arbeiter trinkt nicht“, steht auf einer Postkarte, die Anita Ulrich aus einem roten Kästchen zieht. Ob Arbeiter oder junge Leute auf der Suche nach einem Job: Sie alle finden sich als Phänomene der sozialen Gesellschaft in dem roten Kasten, der die Essenz eines möglichen Sozialarchivs symbolisiert.

Viele interessierte Forscher

„Archive lösen immer bestimmte Probleme“, sagt Dr. Anita Ulrich. Sie ist Leiterin des Schweizerischen Sozialarchivs in Zürich. Das Archiv gibt es seit 100 Jahren. Es erstellt Dokumentationen zu sozialen Fragen, gesellschaftlichen Problemen und Entwicklungen.Zu Gast in Luxemburg war Anita Ulrich in dieser Woche, weil sie das Modell Sozialarchiv anlässlich der Ausstellung „Passagen – soziales Wissen in Luxemburg“ am Mittwoch im „Lycée technique pour professions éducatives et sociales (LTPS)“ in Mersch vorstellte. Realisiert wurde die Ausstellung im Rahmen eines „Projet d’établissement“ von Diplomsozialpädagoge Peter Witt als Projektleiter (LTPES) und Dr. Ulla Peters von der Universität Luxemburg, die auf die Arbeit des Schweizer Sozialarchivs aufmerksam geworden waren. Der Hintergrund für die Einladung der Leiterin: Auch in Luxemburg existiert das Bedürfnis, ein solches Sozialarchiv zu gründen.„In den vergangenen 30 Jahren hat sich das Sozialwesen in Luxemburg stark entwickelt“, sagt Charel Schmit, Präsident der ANCE. „Ein dichtes Netz an Hilfeleistungen, Dienststellen und Einrichtungen konnte geschaffen werden. Soziale Arbeit verdient mehr Aufmerksamkeit. Und: In Luxemburg herrscht zurzeit ein sozialer Umbruch. Seit 2004 schnellt die Jugendarbeitslosigkeit in die Höhe, wir sprechen im Land wieder von Armut, die Arbeitsverhältnisse ändern sich auch“, so Schmit.

„Vom Monatslohn zum Stundenlohn, vom festen Arbeitsverhältnis zu befristeten Verträgen – das sind Tendenzen, die es auch in der Schweiz gibt“, ergänzt die Leiterin des Schweizer Sozialarchivs. Hohe Sozialleistungen, früher selbstverständlich, seien so vielleicht nicht mehr lange zu gewährleisten. Es bestehe die Gefahr wachsender sozialer Randgruppen. Auch Migration sei ein großes Thema in dem Zusammenhang. Dokumentationen und Schriften zu solchen Themen werden immer wieder herausgegeben, ob von Vereinen, Initiativen, Stiftungen oder Parteien. Auch Privatpersonen sammeln Flugblätter und Broschüren. „Einerseits ist hier mehr Forschung, andererseits das Zur-Verfügung-Stellen und Vermitteln von Materialien wichtig, etwa an Schüler, Studenten, Lehrer und Forschende“, sagt der Pädagoge Charel Schmit. Das geschieht im Schweizer Sozialarchiv in Zürich, und es besteht Interesse: „Unser Zählsystem verzeichnet etwa 300 Besuche am Tag“, so Anita Ulrich. Man wolle alle Archivverzeichnisse ins Internet stellen.

Das Internet soll nun auch ein Ausgangspunkt für ein Sozialarchiv in Luxemburg sein. Das „Bulletin ANCE“, seit 30 Jahren Fachzeitschrift der ANCE, soll digitalisiert und online gestellt werden, nachdem im Jahr 2006 eine Inventur aller Artikel gemacht wurde. Mit Institutionen und Vereinigungen wie der Caritas, der Ligue médico-sociale, aber auch der Nationalbibliothek und der Universität sei man ebenfalls im Gespräch, wie ein Archiv zusammengestellt werden könne – vielleicht unter einem neutralen Träger wie einem gemeinnützigen Verein. Dabei habe derzeit die Idee eines Netzwerkes vorang: „Viele Organisationen haben eine lange Geschichte, etwa die Caritas, das Croix-Rouge, die Ligue médico-sociale oder die Hilfsorden. Die Entstehung und Entwicklung des Sozial- und Erziehungswesens ist eine weithin ungeschriebene Geschichte“, so Charel Schmit. Das alles solle darum dokumentiert werden.

Internet als Start für Archiv

Man verspreche sich von einer Datensammlung auch neue Möglichkeiten für die sozialpädagogische Forschung, etwa das Verfolgen von sogenannten „Hilfe-Karrieren“. Es gebe Aktenbestände, anhand derer man soziale Probleme analysieren könne. „Natürlich muss in diesem Fall der Datenschutz gewährleistet sein“, betont Schmit.Eventuelle Räume für das Archiv gibt es schon: Das LTPS hat angeboten, die eigene Bibliothek zur Verfügung zu stellen. „Alles ist im Werden“, so Charel Schmit. Dass ein Archiv entstehe, sei sicher: „Es ist einfach zu wichtig für die Sensibilisierung der Menschen für soziale Themen.“

(Dieser Artikel ist erschienen im Luxemburger Wort am Samstag, den 17. Februar 2007)

 

 

Drucken E-Mail