Qualität durch Evaluation?

Geschrieben von Charel Schmit. Veröffentlicht in Qualität in der Heimerziehung

Artikel aus dem ance-bulletin no 94 (1998) - Autoren: Manuel Achten, Dr. Manfred Schenk, Christoph Mann

Qualität durch Evaluation?


Hintergrund und Erfahrungen aus einer Evaluation der sozialen Dienste des Caritasverbandes Luxemburg




1. Qualität in der sozialen Arbeit

Ein schon seit langem zu erkennender Prozeß verändert kontinuierlich die soziale Arbeit: Die Maßnahmen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik verändern sich tendentiell vom Eingriff zur Dienstleistung; anstelle von Maßnahmen für Randgruppen, die sich an Defiziten orientieren, stehen heute Angebote für breite Bevölkerungsgruppen im Vordergrund.

Maßnahmen der Sozialarbeit/Sozial-pädagogik werden immer weniger im Sinne einer karitativen, humanitären oder religiösen Verpflichtung initiiert, sondern die Träger sozialer Arbeit offerieren breitgefächerte soziale und erzieherische Dienstleistungen im Auftrag des Sozialstaates. Diese Dienstleistungen haben zusehends den Rang eines allgemeinen Hilfs- und Erziehungssystems erhalten und sind dadurch in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses gerückt.

Sozialpädagogische Einrichtungen beschäftigen zunehmend ausgebildete Fachkräfte in kostenaufwendigen Dienstleistungen für spezifische Klientengruppen. Dadurch ist die Finanzierung dieser Dienstleistungen immer mehr an Nutzungsentgeldern, Pflegesätzen, Sponsoring und Steuermitteln orientiert; die Eigenleistung der Träger (durch Spenden oder Vermögen) als Finanzierungsgrundlage sozialer Maßnahmen ist weitestgehend in den Hintergrund getreten. Während in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums auf zunehmend komplexere gesellschaftliche Problemlagen mit einer quantitativen Ausweitung des vorhandenen Angebots reagiert werden konnte, wird dies heute angesichts leerer Staats- und Gemeindekassen immer schwieriger. Nicht zuletzt durch den ökonomischen Druck müssen sich daher Träger und Institutionen mehr und mehr der Diskussion hinsichtlich der Effektivität und Effizienz der eingesetzten Mittel (Methoden, Ressourcen, Fachpersonal) stellen. Die mangels spezifisch sozialpädagogischer Modelle aus der Betriebswirtschaft entliehenen Überlegungen zur Qualitätsentwicklung und -sicherung (outputoriente Steuerungsmodelle, Europäische Industrienorm für Dienstleistungen -DIN/ISO 9004/2) wurden in den letzten Jahren heftig diskutiert. Begriffe wie „Kundenorientierung«, „dezentrale Ressourcenverantwortung«, „Controlling«, und „Budgetierung« führten aber - darin sind sich selbst die schärfsten Kritiker dieser Modelle einig - zumindest dazu, die Diskussion über Qualität in der sozialen Arbeit nicht mit dem Pauschalverweis auf die Einzigartigkeit der Helfer-Klientenbeziehung abzulehnen, sondern sie unter facheigenen Gesichtspunkten mitzugestalten. Während sich bislang oft auf dem guten Glauben ausgeruht wurde, daß die von anerkannten Trägern aus menschenfreundlichen Motiven eingesetzten Mittel schon etwas bewirken werden (vgl. SCHERRER 1995 in: BMFSFJ (3) 1996), wird in der sozialen Arbeit zunehmend nach der Wirkung bei den Nutzern und damit nach der Qualität der Maßnahme gefragt.

Wie aber kann Qualität überprüfbar gemacht werden? Während sich in der industriellen Produktion leicht quantitative Kriterien finden lassen, aus denen Standards zur objektiven Beurteilung abgeleitet werden können, gilt es, Qualität in der sozialen Arbeit als diskursiven Prozeß zwischen allen Beteiligten (Klienten, Mitarbeitern, Verbände, Träger, Fachwissenschaften, Geldgeber, Öffentlichkeit) auszuhandeln (vgl. auch KNEFFEL, REINBOLD in BMFSFJ (3) 1996). Inhalt dieses Aushandlungsprozesses ist es, Ziele, Bedingungen, Ressourcen und Methoden sozialer Arbeit unter Berücksichtigung der verschiedenen Sichtweisen zu optimieren. Unter Beachtung der sich ständig wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen kann es nicht genügen, einzelne, abgeschlossene Qualitätsentwicklungsmaßnahmen zu initiieren; vielmehr sollte Qualitätsentwicklung von Trägern, Institutionen und Mitarbeitern als dauerhafte Aufgabe begriffen werden. 

2. Begründung des Projektes aus der Sicht der Caritas 

Im Herbst 1994 wandte sich der Leiter der Abteilung „jeunes et familles« der Caritas Luxemburg an die Abteilung Pädagogik der Universität Trier, um eine Zusammenarbeit mit dem Ziel einzuleiten, die praktische Arbeit in den sozialen Einrichtungen der Kinder- Jugend- und Familienabteilung des luxemburgischen Caritasverbandes neu zu beleben und nach fachlichen Standards voranzubringen.

Innerhalb der letzten Jahre hatte sich die Abteilung durch die Übernahme einiger Institutionen erheblich vergrößert. Einige der hinzugekommenen Einrichtungen und Dienste waren autonom, andere standen unter anderweitiger Trägerschaft. Das breitgefächerte Angebot beinhaltete nach Abschluß der Konsolidierungsphase elf Institutionen in den Bereichen Beratungswesen, Pflegekinderwesen, Kindertagesbetreuung, Jugendarbeit, Familienhilfe und Heimerziehung.

Viele Einrichtungen der Abteilung hatten sich in den letzten Jahren maßgeblich verändert; im Zuge dieser Veränderungen blieb für die Mitarbeiter neben der Erledigung der Alltagsgeschäfte kaum Zeit zur systematischen Reflexion und Dokumentation der Arbeitskonzepte. Im Rahmen der Qualitätsentwicklung war es für den Verband von Interesse, Ziele, Methoden, spezifische Nutzergruppen und Vorgehensweisen der einzelnen Einrichtungen systematisch zu erheben. Die Informationen sollten zum einen dem Verband den aktuellen Stand der ihm zugehörigen Einrichtungen rückmelden, die Einrichtungen in ihrer Konzeptentwicklung unterstützen und die Transparenz sowie die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Diensten fördern.

Die Institutionen funktionieren als voneinander unabhängige Systeme, die mit dem Trägerverein fachlich und administrativ verbunden sind. Die institutionelle Position zwischen Autonomie und Verbandszugehörigkeit in dieser dezentralen Struktur wurde von den einzelnen Einrichtungen sehr unterschiedlich interpretiert; ein Ziel der Bemühungen war, die vorhandene Struktur zu einem Netzwerk auszubauen, oder wie es im Jahresbericht der Caritas für das Jahr 1994 lautete: „Es liegt nun an uns Sozialarbeitern, in den nächsten Jahren die Möglichkeiten, welche die jetzige Struktur bietet, zu nutzen« (M. ACHTEN 1995). Unter dem Leitziel eines horizontal differenzierten Verbundsystems sollten institutionelle Hürden abgebaut, Informations- und Zugangswege verkürzt und ein am Klienten orientiertes fachliches Verständnis gefördert werden.

Neben dieser institutionsbezogenen Standortbestimmung und dem möglichen Aufbau eines Verbundsystems, interessierte den Verband, in welchem Maße die Konzeptionen der Einrichtungen die spezifischen gesellschaftlichen Problemlagen Luxemburgs abbilden. Trotz der guten finanziellen Lage des Landes ist abzusehen, daß auch die soziale Arbeit in Luxemburg in naher Zukunft von Mittelkürzungen betroffen sein wird. Die Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigen, daß diese Kürzungen häufig linear vorgenommen werden, wenn es den Mitarbeitern der Einrichtungen nicht gelingt, den geforderten Finanzbedarf differenziert begründen zu können (vgl. auch VON SPIEGEL in: HEINER 1994, S. 12 ff.). Als einer der größten Träger von Kinder-, Jugend- und Familienhilfemaßnahmen im Land wollte die Caritas Luxemburg dieser Entwicklung aktiv vorgreifen. Das eigene institutionelle Angebot sollte unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Hintergrundes kritisch hinterfragt und daraus fachliche Perspektiven entwickelt werden.

Die Überprüfbarkeit von Qualität in der Sozialpädagogik erhält unter Berücksichtigung der in Luxemburg geplanten Gesetzesvorhaben - es sind dies die Einführung der Pflegeversicherung (Projet de lot portant introduction d´une assurance dépendance. Version du 15 octobre 1996) und das Gesetz zur Regelung der Zusammenarbeit zwischen dem Staat und nichtstaatlichen Trägern sozialer Einrichtungen (Projet de loi no. 3571 (11) réglant les relations entre l´Etat et les organismes oeuvrant dans les domaines social, familial et thérapeutique. Version du 29 mai 1997) - eine immer wichtigere, ja existentielle Dimension für die Träger sozialer Arbeit. Besagte Gesetzesprojekte werden großen Einfluß auf die zukünftige Gestaltung des Sozialbereichs haben (vgl. GILLEN 1992).

Im September 1994 konnte die Caritas Luxemburg die Universität zur Zusammenarbeit gewinnen. Nach einem Planungsvorlauf, in dem die grundsätzliche Vorgehensweise und die generellen Ziele festgelegt wurden, konnte im Februar 1995 mit einer Projektgruppe der Universität Trier die Evaluation der Leistungsangebote im Bereich Jugend- und Familienhilfe der Caritas Luxemburg begonnen werden. 

3. Der Evaluationsansatz 

Da in Luxemburg bisher kaum eine Tradition in der systematischen Durchführung qualitativer Evaluation sozialer Dienste besteht, sollen zunächst einige einleitende Gedanken dazu entwickelt werden. Grundsätzlich umfaßt der Begriff „Evaluation« eine Fülle unterschiedlicher Forschungsansätze. Allgemein ist Evaluation die „systematische Anwendung sozialwissenschaftlicher Methoden zur Bewertung der Konzeption, des Designs, der Implementation und des Nutzens einer sozialen Interventionsmaßnahme« (ROSSI, FREEMAN 1985). Unterschiedliche Evaluationsansätze ergeben sich beispielsweise aus den Fragen, wozu die Daten gesammelt werden, ob quantitative oder qualitative Methoden im Vordergrund stehen, wer der Auftraggeber der Evaluation ist, wie die Ergebnisse verwendet werden und ob die Evaluation eher gutachterlich-bilanzierend (summativ) oder qualifizierend-begleitend (formativ) ausgerichtet ist (vgl. HEINER 1996, S. 20 f, vgl.. AUCH WOTTAWA, THIERAU 1990).

Weiterhin werden Ansätze von Fremd- und Selbstevaluation unterschieden: Bei einer Selbstevaluation bewerten Mitarbeiter der Maßnahme ihre eigene Arbeit, während bei einer Fremdevaluation die Maßnahme von Außenstehenden (oder auch von einer höheren Hierarchieebene der eigenen Einrichtung) evaluiert wird. Fremd- und Selbstevaluation bilden in diesem Verständnis keine Gegensätze, sondern sind aufeinander bezogen. Ziel ist, Evaluation als ein Element methodischen Arbeitens im Kontext eines ganzheitlichen Qualitätsmanagements, also im Sinne von Qualitätsentwicklung und -sicherung, einzuführen (vgl. HEINER 1988, 1996, VON SPIEGEL 1994).

Dabei gilt es, im Rahmen des Auftrags die Vor- und Nachteile der beiden Evaluationsformen gegeneinander abzuwägen: Eine Fremdevaluation wird zwar oft von den betroffenen Mitarbeitern skeptisch betrachtet und als Bevormundung und Kontrolle erlebt; die Chancen eines solchen Ansatzes sind aber, daß in einem Feld, in dem bislang nur diffuse Qualitätsstandards für die eigene Arbeit formuliert wurden, eine Basis für ein weitergehendes Qualitätsmanagement durch die Qualifizierung der Mitarbeiter geschaffen werden kann Dies setzt die Einbindung der Fachkräfte und deren Bereitschaft zur Mitarbeit in der Evaluationsarbeit voraus.

Eine Selbstevaluation beinhaltet den Vorteil, daß durch die niedrige hierarchische Differenzierung und die große Nähe zum Untersuchungsgegenstand ein ungefilterter Zugang zu den relevanten Informationen besteht; sie birgt allerdings die Gefahr, daß „sich ohne den fremden Blick Außenstehender die Betriebsblindheit noch verstärkt, Routinen unreflektiert perpituiert werden und die Selbstrechtfertigung Triumphe feiert« (HEINER 1996, S. 43). Trotz aller Nachteile bietet dieser Ansatz maßgebliche Chancen zur Veränderung. Eine denkbare Verbindung der beiden Ansätze ist beispiersweise ein Dreischritt aus Fremdevaluation, Selbstevaluation und Begleitung/Moderation der Selbstevaluation durch die außenstehenden Evaluatoren. Durch ein solches Vorgehen könnten Fachkräfte nach und nach Evaluationsmethoden und -kriterien erlernen, übernehmen und schließlich eigenständig fortführen. 

Auf der Basis der Nutzenerwartungen des Verbandes entwickelte die universitäre Projektgruppe einen Evaluationsansatz, der die Offenheit der Fragestellung, die heterogene Struktur des Untersuchungsfeldes und das Ziel der Qualitätsentwicklung berücksichtigen sollte: Die Evaluation war formativ und damit entwickelnd-begleitend ausgelegt: In der Tradition der Aktions- und Handlungsforschung (vgl. LEWIN 1963, MOSER 1977) wurde dabei von der Annahme ausgegangen, daß in erster Linie die in der sozialen Praxis tätigen Fachkräfte die Experten für ihre eigene Arbeit sind. Daraus resulierte, daß in der Evaluation auf standardisierte Erhebungsinstrumente verzichtet wurde; Informationen wurden hauptsächlich mittels strukturierter Interviews erhoben. Damit sollte Informationsverzerrungen vorgebeugt werden, die durch stark vorstrukturierte Evaluationsansätze oft nicht zu vermeiden sind. Auch im Hinblick auf die Akzeptanz der Untersuchungsergebnisse sollte dieses Vorgehen Vorteile bringen.

Eine so konzipierte formative Evaluation gilt dann als valide, wenn eine Übereinkunft zwischen den Evaluatoren und den Mitarbeitern hinsichtlich der Berichtlegung hergestellt werden konnte, wenn also alle Beteiligten den Evaluationsprozeß durch die Berichtlegung als angemessen dargestellt sehen (vgl. WOTTAWA & THIERAU 1990, S. 56). Durch eine solche Konsensbildung wird es wahrscheinlicher, daß die Evaluationsergebnisse umgesetzt werden und nicht als "Produkte aus dem Elfenbeinturm"für immer zwischen zwei Buchdeckeln verschwinden.

Die Berichtlegung beruhte tendentiell auf einem Austausch zwischen Evaluatoren und Mitarbeitern und wurde durch Diskussionen und Treffen organisiert. Daß sich aufgrunddessen das Untersuchungsfeld während des Erhebungsprozesses fortwährend veränderte, wurde nicht nur in Kauf genommen, sondern war ausdrückliches Ziel eines kooperativen Entwicklungsprozesses. Die Fachkräfte sollten nicht nur Datenbeschaffer sein, sondern sich zu gleichberechtigten Mitarbeitern der Evaluation entwickeln; daraus resultierte, daß einerseits die Mitarbeit auf freiwilliger Basis organisiert wurde; andererseits war der Erfolg der Evaluation maßgeblich von der aktiven Mitarbeit der Fachkräfte abhängig.

Die universitäre Evaluationsgruppe sollte erste Erhebungen konzipieren und durchführen, moderieren, kritisch nachfragen, Widersprüche aufzeigen, die so erhaltenen Informationen zusammenfassen und an das Untersuchungsfeld zurückmelden, um so nach und nach die Fachkräfte aktiv in das Evaluationsgeschehen einzubinden. Ziel war, den Fachkräften durch die Evaluation Instrumente zur Verfügung zu stellen, die zur methodischen Selbstkontrolle, zur Aufklärung, zur Qualifizierung und zur Innovation der eigenen Arbeit dienen (vgl. auch VON SPIEGEL 1994, BMFSFJ 1996 1-3).

Daß eine aktive Einbindung der Fachkräfte nicht in allen Bereichen erreicht werden konnte, hatte vielfältige Gründe: Evaluation hatte in den Institutionen noch keine Tradition. Zum Teil verhinderten individuelle und persönliche Barrieren eine intensivere Zusammenarbeit, zum Teil bestanden strukturelle Hinderungsgründe wie die Nichtverfügbarkeit von Ressourcen und Kapazitäten, durch die eine offene am Diskurs orientierte Zusammenarbeit erschwert wurde. Es zeigte sich, daß erhebliche zeitliche Ressourcen der Mitarbeiter eingebracht werden müssen.

4. Das Evaluationsdesign

Inhaltlich sollte durch die Evaluation die sozialpädagogischen Angebote analysiert und bewertet, die allgemeinen Problemlagen in Luxemburg und die besonderen Problemlagen der Adressaten des Caritasverbandes erkannt, und auf diese Weise alternative Modelle für die sozialen Dienste herausgearbeitet werden. Um ein möglichst erschöpfendes Bild der Institutionen im Kontext zum Verband und den luxemburgischen Gesellschaftsstrukturen zu erhalten, wurde in einem ersten Schritt eine Analyse auf verschiedenen Ebenen durchgeführt.

Makrosoziale Ebene: Ziel der Erhebungen auf dieser Ebene war die Zusammenfassung und Analyse bestehender Daten zur Situation der Kinder, Jugendlichen und Familien sowie des Hilfesystems im Großherzogtum Luxemburg. Als problematisch erwies sich, daß Luxemburg über keine für eine umfassende Sozialberichterstattung zentralen Statistiken verfügt. Wiederholt wurde der geringe Daten-bestand zu Jugendfragen beklagt. Daher wurde eine Sekundäranalyse der in Luxemburg sehr wohl vorhandenen, aber sehr schwierig zugänglichen Informationen (Statistiken, Untersuchungen, Berichte in Medien und Fachzeitschriften) durchgeführt. Über den Analysezeitraum fanden sich doch erstaunlich viele, wenn auch sehr verstreute Untersuchungen (vgl. SCHENK, MEYERS 1997). Auf dieser Basis wurde versucht, die für die Sozial- und Jugendpolitik relevanten Befunde zu den Dimensionen Umfeld, soziale Lage der Einwohner, sozioökonomische Merkmale, soziokulturelle Merkmale, administrative Intervention und Bestand an sozialen Einrichtungen und Angeboten zusammenzustellen.

Verbandsebene: Da der Caritasverband in seiner jetzigen Struktur noch sehr jung und teilweise in der Entstehung begriffen ist, war von besonderem Interesse, wie der Verband aus der Perspektive der nunmehr zur Caritas gehörenden, sowie einiger mit dem Verband in Beziehung stehenden Institutionen gesehen wird. Als Einstieg in die Evaluation wurden Interviews mit 22 Schlüsselpersonen bzw. Experten geführt, um zunächst eine globale Sichtweise von Problemen innerhalb des Verbandes zu bekommen. Die Schlüsselpersonen sollten den Verband und ihm nahestehende Institutionen repräsentieren. Aus den Ergebnissen wurden dann Fragestellungen für die Analyse der einzelnen Institutionen gewonnen. Sie fanden Eingang in die Interviewleitfäden für die Einrichtungen und Dienste.

Institutionsebene: Die Erhebungen auf der Institutionsebene sollten eine genauere Beschreibung der einzelnen Dienste abgeben. Zunächst wurden dazu die vorhandenen Angebotsbeschreibungen gesichtet; ferner wurden mit den Leitern und je einem Mitarbeiter Leitfadeninterviews durchgeführt. Der besondere Fokus lag dabei auf den pädagogischen Zielen und Methoden. Darüber hinaus wurden subjektiv definierte Probleme und Wünsche erhoben.

Adressatenebene: Die Binnensicht der Einrichtungen und des Verbandes sollte durch die Sichtweise der Nutzer und Adressaten der einzelnen Dienste ergänzt werden Dieser Arbeitsschritt konnte aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht überall verwirklicht werden. Aus diesem Grund wurde die Sicht der Adressaten exemplarisch und indirekt mittels einer Aktenanalyse zweier Heimgruppen (der Jugendgruppe des „Institut St. Joseph Rumelange« und das Mädchenwohnheim „Foyer Thérèse«) verwirklicht. Dabei wurde versucht, die Heimbiographie detailliert aufzuzeigen und zu analysieren.

Die Ergebnisse auf den verschiedenen Ebenen wurden regelmäßig an die einzelnen Dienste zurückgemeldet, in Gruppensitzungen auf Verbandsebene sowie in Institutionen auf Mitarbeiterebene diskutiert und wenn nötig aufgearbeitet; dadurch sollte die Transparenz des Evaluationsprozesses erhalten und die Qualität sowie die Akzeptanz der Erkenntnisse optimiert werden. Als Abschluß der Bestandserhebung wurde den beteiligten Institutionen ein Zwischenbericht vorgelegt, in dem die vorläufigen Ergebnisse festgehalten waren. Im Anschluß an die Beschreibung der einzelnen Dienste wurde versucht, erste Empfehlungen abzugeben. Diese ergaben sich aus dem Vergleich der vorgefundenen Arbeitsweisen und Probleme mit der Fachdiskussion des jeweiligen Arbeitsbereiches. Da Luxemburg über keine eigene Universität und kaum über eigenständige sozialpädagogische Fachliteratur verfügte, wurde auf die in der BRD geführte Fachdiskussion zurückgegriffen und daraus Empfehlungen abgeleitet. Dabei wurde Wert darauf gelegt, auch Sichtweisen und Praxismodelle mit aufzunehmen, die in dieser Form bei den bestehenden Diensten nicht vorgefunden wurden. 

Die Diskussion der Evaluationsergebnisse löste bei den beteiligten Institutionsleitern eine außerordentliche Dynamik aus. Die Ergebnisse wurden daraufhin innerhalb der einzelnen Institutionen mit den Mitarbeitern erläutert, korrigiert und diskutiert. Daraus entwickelte sich ein zweiter Evaluationsschritt, in dem die universitäre Evaluationsgruppe die Begleitung bei der Diskussion und Umsetzung der Empfehlungen übernahm. Auf der Basis der gewonnenen Erfahrungen wurde im weiteren Vorgehen die Diskussion von der Verbands- und Leitungsebene auf die Institutions- und Mitarbeiterebene verlagert. Dies hatte für die Arbeitsqualität einige Vorteile: Diskussionen wurden problemzentrierter aber auch offener geführt. Der innere Zwang, sich vor Kollegen anderer Institutionen legitimieren zu müssen, war deutlich schwächer. Durch den spezialisierteren Rahmen bestand die Möglichkeit, intensiver auf fachbereichsbezogene Probleme der doch sehr unterschiedlichen Arbeitsbereiche einzugehen. Darüber hinaus war es für die Fachkräfte im kleineren Rahmen eher möglich, Gespräche und Maßnahmen mitzugestalten. Die Freiwilligkeit der Zusammenarbeit spiegelt sich in den Ergebnissen: Bei einigen Institutionen können sehr weitreichende Entwicklungen beschrieben werden, andere Institutionen beteiligten sich an diesem Schritt nicht mehr. 

5. Perspektiven der Evaluation 

Zum heutigen Zeitpunkt blicken wir auf eine fast zweijährige Zusammenarbeit zurück, in die Fachkräfte, universitäre Mitarbeiter sowie viele andere Beteiligte ein hohes Maß an Energie, Zeit und Engagement investiert haben. Insbesondere in den Bereichen, in denen sich während der Evaluationsarbeit vertiefte Zusammenarbeitsstrukturen ergeben haben, lassen sich deutliche Entwicklungen aufzeigen. Wir möchten abschließend auf einige dieser Entwicklungen eingehen, ohne jedoch einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben:

Bei der Telefonberatung erfolgte eine vertiefte Bestandsaufnahme der Beratungstätigkeit sowie eine kritische Betrachtung der Aus- und Fortbildungsstrukturen der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Die Ergebnisse sind in einem ausführlichen Sonderbericht dargestellt. Aus dieser vertieften Analyse resultierte eine Konzept-erweiterung der Telefonberatung: Die Ausbildungsstrukturen der ehrenamtlichen Mitarbeiter wurden verändert; die Kooperation mit einem Jugendhaus wurde maßgeblich vorangetrieben. Als erstes Angebot dieser Kooperation wird momentan eine adressatennahe, niederschwellige Jugendberatung in einem Jugendhaus installiert.

Im Bereich der Heimerziehung konnte im Rahmen einiger Veränderungen eine stärkere Vernetzung der einzelnen Heimgruppen erreicht werden. Die Aktenanalyse der beiden Jugendgruppen trug dazu bei, die Diskussion konzeptioneller Fragen in diesem Bereich zu vertiefen. Es wurde erkannt, daß sich das bestehende Hilfsangebot noch viel stärker an den individuellen Lebenslagen der Klienten orientieren muß. Die Wohn- und Nachsorgestruktur für junge Menschen wird daraufhin so ausgebaut werden, daß differenziert und unbürokratisch auf unterschiedliche Problemlagen reagiert werden kann. Im Rahmen der vertieften Konzeptdiskussion wurde sich auch kritisch mit den strukturellen Bedingungen wie dem luxemburgischen Zuweisungssystem von Minderjährigen in das Heim auseinandergesetzt. Daneben wurden von der Evaluationsgruppe einige Exkursionen organisiert, und Konferenzen organisiert, um neuere Entwicklungen im Heimbereich und Alternativen dazu aufzuzeigen. Die dadurch entstandenen Kontakte zu Einrichtungen im Saarland und in Rheinland-Pfalz waren dabei der Grundstein zu weiteren übergreifenden Projekten und werden auch in Zukunft der regionalen Zusammenarbeit in diesem Bereich dienen. Ein besonderes Interesse gilt jenen sozialpädagogischen Maßnahmen, die familienstützend wirken (z.B.' familie's first program') und eine echte Alternative zur Heimunterbringung sind. Eine interne Arbeitsgruppe ist dabei ein diesbezügliches Konzept zu entwickeln.

Im Bereich der Kindertagesstätten konnte die Entwicklung eines neuen Rahmenkonzeptes begleitet werden. Im Zuge dieser Entwicklung führten die Mitarbeiter des „Foyer de jour Am Rousegäertchen« eine Selbstevaluation durch, die der verstärkten Reflexion der Erziehungsziele und der gruppenübergreifenden Zusammenarbeit diente. Die Ergebnisse wurden mit der universitären Evaluationsgruppe diskutiert. 

Auch im Bereich der Jugendarbeit wurden gemeinsam mit den Fachkräften die vorhandenen Konzepte überprüft. Durch Kontakte zu Jugendhäusern ausländischer Träger (z.B. der Stiftung Hospital St. Wendel/Saarland) konnten auch hier regionale Kooperationsstrukturen geschaffen werden.

Allgemein ist ein Prozeß der Vernetzung der Einrichtungen, eine Zusammenarbeit zwischen den verantwortlichen Akteuren der Einrichtungen, mit dem übergeordneten Ziel einer effizienteren und klientennahen Sozialpädagogik entstanden; ein Prozeß, den es nun weiterzuführen gilt. Beispiele solcher Vernetzung sind: Die Eröffnung des „Kannerhaus Kayldall«, das unterschiedliche Maßnahmen unter einem Dach verbindet (Kindertagesstätte, Heimgruppe, Wohnstruktur als Krisenintervention für junge Erwachsene mit und ohne Kinder, Seminarräume, geplanter Aufbau einer Erziehungsberatungsstelle s.o.). Das gleiche Konzept gilt für das Jugendhaus „Am Quartier«. Die Jugendlichen des Jugendhauses „Remmi-Demmi« ziehen im September 1997 in das neu renovierte Haus in der Michel-Welter-Str. 34 im Bahnhofsviertel der Hauptstadt um. Hier wurde auch baulich versucht, das pädagogische Konzept eines vernetzten, vielschichtigen Angebotes für Jugendliche und deren Angehörige anzubieten (kulturelles Freizeitangebot, Bistro, Beratungsangebot, Hausaufgabenhilfe, Eßmöglichkeit, Wohnstruktur). Die Vernetzung von Diensten und damit eine erhöhte Fall- und Problemorientierung könnte durch eine verbesserte Vernetzung auch der staatlichen Stellen (Ministerien) bzw. durch eine Bündelung oder Neuverteilung von Aufgaben noch wesentlich unterstützt werden.

Das Familienministerium in Luxemburg zeigte Interesse an den Ergebnissen der Evaluation und will besonders im Heimbereich einige gewonnene Arbeitshypothesen vertiefen und auf ihre Generalisierbarkeit hin überprüfen. Es ist eine Evaluation einer größeren Zahl von Heimen verschiedener Träger geplant. Das Ministerium will die Ergebnisse auch in die Konzeption einer landesweiten Fortbildungsreihe im Bereich der sozialen Arbeit einfließen lassen. Einige Ideen der makrosozialen Analyse flossen in die Schaffung einer zentralen Stelle zur Analyse und Beschreibung der luxem-burgischen Jugendforschung und -statistik (Centre d'Etudes sur la Situation des Jeunes en Europe (CESIJE)) ein. 

Rückblickend können wir festhalten, daß wir unserem gemeinsamen Ziel, nämlich fachliche Perspektiven für eine effektive und effiziente Arbeit innerhalb der sozialen Dienste der Caritas zu entwickeln und umzusetzen, ein gutes Stück näher gekommen sind. Dabei hat sich sowohl der Evaluationsansatz als auch das Evaluationsdesign als geeignetes Mittel zur Qualitätsentwicklung erwiesen; die Erfahrungen aus diesem Projekt werden folgenden Evaluationsvorhaben zugute kommen.

6. Literatur: 

ACHTEN, M. 1995: Kinder- und Jugendarbeit im Caritasverband. In: Caritasverband Luxemburg 1995: Jahresbericht ´1994, Luxemburg. 
BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (HRSG.) 1996: QS1. Evaluation der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit. Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe, Bergisch Gladbach. 
BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (HRSG.) 1996: QS2. Bundesinitiative Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe. Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe, Bergisch Gladbach. 
BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (HRSG.) 1996: QS3. Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in der Jugendverbandsarbeit: Bedarf und Anforderungen an Konzepte des Controlling und der Selbstevaluation. Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe, Bergisch Gladbach. 
CARITASVERBAND LUXEMBURG 1995: Jahresbericht ´94, Luxemburg. 
FLÖSSER, G. 1994: Soziale Arbeit jenseits der Bürokratie. Über das Management des Sozialen, Neuwied; Kriftel; Berlin. 
GILLEN, E. 1992: Zur Autonomie der Sozialarbeit im Umfeld von Gesellschaft, Staat und Politik. Forum nr.136; Luxemburg. 
HEINER, M. (HRSG.) 1988: Selbstevaluation in der sozialen Arbeit. Fallbeispiele zur Dokumentation und Reflexion beruflichen Handelns, Freiburg im Breisgau. 
HEINER, M. (HRSG.) 1994: Selbstevaluation als Qualifizierung in der sozialen Arbeit. Fallstudien aus der Praxis, Freiburg im Breisgau. 
HEINER, M. (HRSG.) 1996: Qualitätsentwicklung durch Evaluation, Freiburg im Breisgau. 
HEINER, M. 1996: Evaluation zwischen Qualifizierung, Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung. Möglichkeiten der Gestaltung eines Evaluationssettings, in: Heiner, M. (Hrsg.) 1996: Qualitätsentwicklung durch Evaluation, Freiburg im Breisgau. 
HÜBNER, K., Sallmon, S.,Wagner, P. 1996: Kleinräumige Gliederung, Beschreibung und Analyse sozialer Räume. In.: Lukas, H., Strack, G. (Hrsg.) 1996: Methodische Grundlagen der Jugendhilfeplanung, Freiburg im Breisgau. 
KNEFFEL, M. /Reinbold, B. 1996: Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in der Jugendverbandsarbeit. Bedarf und Anforderungen an Konzepte des Controlling und der Selbstevaluation, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) 1996: QS3. Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in der Jugendverbandsarbeit: Bedarf und Anforderungen an Konzepte des Controlling und der Selbstevaluation. Materialien zur Qualitätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe, Bergisch Gladbach. 
LEWIN, K. 1963: Feldtheorie in den Sozialwissenschaften, Bern. 
LUKAS, H., STRACK, G. (HRSG.) 1996: Methodische Grundlagen der Jugendhilfeplanung, Freiburg im Breisgau. 
MEINHOLD, M. 1997: Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in der sozialen Arbeit. Einführung und Arbeitshilfen. 2.Aufl., Freiburg im Breisgau. 
MOSER, H. 1977: Methoden der Aktionsforschung: Eine Einführung, München. 
ROSSI, P.H./ FREEMAN, H. E. 1985: Evaluation. a systematic approach, Beverly Hills. 
SCHENK, M. / MEYERS, C. 1997: Kinder und Jugendliche im Großherzogtum Luxemburg. Lebenslagen, Hilfsangebote und Perspektiven. Publications du Centre Universitaire, Luxemburg. 
SCHERRER, W. 1995: Sind die Träger der freien Jugendhilfe noch freie Träger?, in: Unsere Jugend, 8,1995, S. 330 f. 
VON SPIEGEL, H. 1994: Selbstevaluation als Mittel beruflicher Qualifizierung. in: Heiner, M. 1994: Selbstevaluation als Qualifizierung in der sozialen Arbeit, Freiburg im Breisgau. 
WOTTAWA, H./ THIERAU, H. 1990: Lehrbuch Evaluation, Bern, Stuttgard, Toronto. 


Die Autoren:

Manuel Achten, Dipl.-Päd, war zur Zeit der Erstellung der Evaluationsstudie Abteilungsleiter des Kinder- und Jugendbereiches der Caritas Luxemburg und maßgeblicher Initiator des Evaluationsprojektes. 

Manfred Schenk, Dipl.-Päd., Dr. paed., lehrt an der Universität Trier Sozialpädagogik. Schwerpunkte: Institutionen der Sozialpädagogik, Planung und Management sozialer Dienste, Methoden der Sozialpädagogik. 

Christof Mann, studiert in Trier Sozialpädagogik, war Mitarbeiter im Forschungsprojekt zur Evaluation der Dienste des Caritasverbandes Luxemburg.