Tagungsbericht : foster care research

Tagungsbericht:

1st International Network Conference
on Foster Care Research

von Robert Theisen

Die Frage ist: Könnte es sein, dass Minderjährige mit identischen Lebenssituationen im Falle von Vernachlässigungen oder Misshandlungen in verschiedenen europäischen Ländern auch unterschiedliche Maßnahmen in Bezug auf eventuelle Fremdunterbringungen erleben? Verschiedenste Möglichkeiten sind dabei denkbar: familiengestützte Lösungen, Unterbringungen bei Pflegefamilien oder in Heimen, Adoptionen, wobei es bei den unterschiedlichen Formen wiederum zu sehr spezifischen Ausrichtungen kommen kann. Dieser und ähnlichen Fragestellungen versuchten Wissenschaftlicher aus acht europäischen Universitäten und Forschungszentren während der Veranstaltung „1st International Network Conference on Foster Care Research“ nachzugehen.

Denn bei schwerwiegenden Entscheidungen in Bezug auf dauerhafte Fremdunterbringung von Kindern - die für Kinder und ihre Eltern zu einem tiefen, manchmal unwiderruflichen Einschnitt in ihrer familiären Bindungen führen - sollten wissenschaftlich überprüfbare Kriterien doch eine Mindestvorgabe sein. Dagegen entsteht in der öffentlichen Wahrnehmung häufig der Eindruck, dass Entscheidungen über den Zeitpunkt und über die Maßnahme der Fremdunterbringung selbst undifferenziert getroffen werden. Dabei ist es vielmehr wünschenswert, dass die jeweiligen Maßnahmen auf der Grundlage allgemeiner, sich auf fundierte Kenntnisse der Sozialwissenschaften und der Praxis stützende Orientierungen erfolgen.

Es wird in diesem Beitrag weder möglich sein einen systematischen Überblick der Konferenz zu geben, noch wird es möglich sein, eine umfassende Darstellung der bedeutenden Anzahl an vorgestellten Untersuchungsergebnissen zu referieren. Vielmehr werden grundlegende Überlegungen, Gemeinsamkeiten oder erstaunliche Unterschiede in den Vorgehensweisen der einzelnen Länder besprochen, die auf der Konferenz herausgearbeitet wurden.

(1) Aktuell gibt es in Europa bedeutende Unterschiede bezüglich der Gewichtung von institutioneller Platzierung und der Aufnahme von Minderjährigen in Pflegefamilien.
Während es in England in den 1980er-Jahren infolge der Fälle von Missbrauch in Heimen zu einer Ausweitung der Pflegefamiliendienste kam (aktuell befinden sich dort 70% der fremdbetreuten Kinder in Pflegefamilien und 30% in Heimen), sind die Verhältnisse in Holland, Belgien und Polen fast umgekehrt. In Deutschland scheinen sich die Maßnahmen in etwa die Waage zu halten. Ursachen für diese Unterschiede scheinen einerseits, wie schon angesprochen, fehlende Entwicklungen von fachlichen Lösungsansätzen und Handlungsroutinen zu sein, andererseits spielen aber auch politische Entscheidungen eine große Rolle. Letztere entstehen häufig auch infolge eines starken Einflusses von Interessengruppen (Lobbying) oder auch aus fiskalischen Gründen. So können beispielsweise die Sparmaßnahmen einer Regierung zu einem bestimmten historischen Moment zu einer Ausweitung von Familienpflegeprogrammen führen. Eine solcherlei beeinflusste Orientierung auf bestimmte Hilfen führt dann wiederum dazu, dass eine Maßnahme, die stark in der Öffentlichkeit steht, sich aufgrund verstärkter finanzieller Unterstützung auch qualitativ stärker entwickelt - zum Nachteil von anderen Hilfemaßnahmen. Es scheint also nicht ausschließlich die Qualität einer Maßnahme an sich zu sein, welche zu einer bestimmten Form der Fremdunterbringung führt. Andere nicht zu unterschätzende Einflussfaktoren beeinflussen die Entscheidungen.

(2) Der Verwandtschaftspflege (Kinshipcare) wird europaweit eine bedeutendere Rolle der Versorgung von Kindern zukommen. 
Auch wenn die Ressourcen von Verwandten in Bezug auf Faktoren wie Bildung, pädagogische Fähigkeiten, sozialer Status u.a. nicht der von Fremdpflegefamilien entsprechen, so bietet dieser Lösungsansatz doch einen entscheidenden Vorteil: Kinder werden nicht vollständig von ihrem sozialen und familiären Netz trennt.

(3) Untersuchungen zeigen, dass Kinder aus bestimmten Herkunftsländern in Pflegefamilien ihrer Aufnahmestaaten überrepräsentiert sind:
Nordafrikaner in Italien, „Aborigines“ in Australien, Kinder karibischer Herkunft in England, Zigeuner in Spanien. Über die Ursachen dieser Gewichtung gibt es erstaunlich wenig Theorien.

(4) Präventive Maßnahmen haben einen entscheidenden- nicht nur positiven - Einfluss auf die Anzahl und den Zeitpunkt von Fremdbetreuung. 
Auch wenn familienerhaltende Programme, bei denen in Krisen überforderten Familien zeitlich begrenzte und intensive Hilfe in ihrem Umfeld erhalten, eine wichtige präventive Funktion haben, fällt doch auf, dass Scheitern solcher Interventionen in allen Ländern zu einer äußerst kritischen Situation führt: Kinder, die auf erziehungsunterstützende Maßnahmen angewiesen sind und oft traumatische Erfahrungen in ihren Familien erlebt haben, werden aus Sicht der TagungsteilnehmerInnen oft zu spät fremduntergebracht. Bei älteren Kindern wird dann die familiäre Integration besonders belastend, sowohl für Kind als auch für die Pflegefamilie. Kinder sollten solchen Gefahren, die sich aus der Lebenssituation der leiblichen Eltern ergeben, nicht über einen zu langen Zeitraum ausgesetzt sein.

(5) Alle ReferentInnen wiesen darauf hin, dass in ihren Ländern die Anzahl an sehr komplexen Situationen stark zugenommen hat.
Schwer vermittelbare Kinder, die zudem aus Familien mit erheblichen Belastungen kommen, wurden früher zumeist in stationärer Unterbringt betreut. Aufwachsen und Erziehen scheint allgemein schwieriger geworden zu sein, Normen sind brüchiger geworden, verinnerlichte Werthaltungen werden in Frage gestellt. Familien werden instabiler, überforderte und zerrüttete Familien scheinen verstärkt vorzukommen. Trotzdem gilt die Familie als die am meisten akzeptierte Gemeinschaft, in welcher Kinder aufwachsen. Diese Auffassung führt in der Folge dazu, dass Fremdbetreuungslösungen verstärkt in familiären Strukturen gesucht werden. Da die Kinder stark verhaltensauffällig sind, ihre Eltern aufgrund von Suchtproblemen oder psychischen Krankheiten nicht mehr für ihre Erziehung sorgen können, steigen die Anforderungen bei der Inpflegenahme. So ist es auch schwierig, frühere Untersuchungen mit aktuellen zu vergleichen. Die Ausgangssituation ist oft eine vollständig andere.

Im Rahmen der Tagung stellten sich die einzelnen teilnehmenden Länder sowohl mit einem Überblick zum aktuellen Stand des Pflegekinderwesens als auch mit Forschungsarbeiten vor. Im Folgenden sollen einige zentrale Ergebnisse aus den Länderdiskussionen genannt werden.

In Deutschland bestehen, aufgrund der föderalen Organisation des Staates, in den einzelnen Ländern bedeutende Unterschiede in den Rahmenbedingungen der Inpflegenahme von Kindern (z. B. die Pflegeerlaubnis). Zusätzlich zu den klassischen Formen der Pflegschaft wie der Vollzeit-, der Kurzzeitpflege und der Verwandtenpflege bieten die Pflegekinderdienste Interventionen an, die erst in wenigen europäischen Ländern bestehen: die Vollzeitpflege für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder und die Bereitschaftspflege. Das Gesetz verpflichtet die Jugendämter dazu, die Beratung und Unterstützung so zu gestalten, dass die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie in dem Maße positiv verändert werden, so dass die Familie die Kinder wieder selbst erziehen kann. Eine Studie des DJI (2006) belegt jedoch, dass nur in 10% aller Fälle eine Rückführung in die eigene Familie zu einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt geplant ist.

Aktuelle konzeptuelle und praktische Überlegungen führen dazu, dass die klassische Pflegefamilie mit einem oder zwei betreuten Kindern sich verstärkt zur professionellen Pflegefamilie mit mehreren betreuten Kindern hin entwickelt. Zudem verändern sich mittelgroße Einrichtungen und große Heime zu familienähnlichen Strukturen. Die Bedeutung bindungstheoretischer Ansätze und die Überlegung, dass die Familie die wichtigste gesellschaftliche Instanz von Kindern darstellt, hat dazu geführt, dass sich die beiden Maßnahmen (Fremdbetreuung in Heimen oder Pflegefamilien) tendenziell in dieselbe Richtung entwickeln.

Den bedeutenden Wert der historischen Einbettung von Betreuungsmaßnahmen in Familien stellte Professor Dr. Klaus Wolf (Universität Siegen), Mitinitiator dieser internationalen Konferenz und Leiter des Forschungsprojektes „Aufwachsen in Pflegefamilien - aus der Perspektive der Pflegekinder betrachtet“, in eindrucksvoller Weise dar. Er referierte über deutsche Studien und Veröffentlichungen seit den Anfängen dieser Inpflegenahmeform und machte den Zuhörern somit bewusst, dass die Weiterentwicklung und damit die Qualitätsverbesserung der erzieherischen Orientierung erst durch eine fundierte Kenntnis ihrer geschichtlichen Entwicklung möglich wird.

Pflegefamilien und -kinder stehen vor bedeutenden Herausforderungen (Beziehungskonflikte, Bedeutung von Bindungen u. a.) und permanente Veränderungen beeinflussen die Pflegschaft stark: Das Sozialisationsumfeld ändert sich, Interaktionen sind nicht statisch, zudem verändern hinzukommende Personen die Beziehungen. Nur einem Prozessmodell - so Klaus Wolf - kann es gelingen, der Komplexität der Pflegekindschaft gerecht zu werden. Daraus folgt auch, dass die Wissenschaft versuchen sollte, sehr genau die gesamte Entwicklung eines Kindes zu untersuchen und sich nicht auf ein spezifisches Setting/die aktuelle Lage des Kindes zu beschränken. Nur die biografische Perspektive ermöglicht es die Ressourcen festzustellen, die Kinder brauchen, um einen Zugang zur ihrer Lebensgeschichte zu erhalten.

In der von Daniela Reimer - ebenfalls an der Universität Siegen - durchgeführten und vorgestellten explorativen Pilotstudie werden ausführliche Interviews mit jungen Erwachsenen geführt, die in Pflegefamilien aufgewachsen sind. Die gesamte Biografie wird auf einem Zeitstrahl visualisiert, indem besonders kritische Lebensereignisse, Belastungen und Ressourcen sowie eigene Entscheidungsmöglichkeiten dargestellt werden. Da sich die Erfahrungen und Entwicklungsaufgaben von Pflegekindern von denen anderer Kinder unterscheiden, kann man davon ausgehen, so Daniela Reimer, dass sie auf ganz spezifische Ressourcen angewiesen sind. Zudem führen zentrale Wendepunkte in ihrer Biografie (z. B. Wechseln in die Pflegefamilie, Auszug) zu einer notwendigen Reorganisation der Person-Umwelt-Beziehung. Diese erfordert oft ressourcenaufwendige Prozesse. Ein Verlaufskurvenkonzept kann negative und positive Varianten der Bewältigungsprozesse erfassen. Des Weiteren untersucht sie in ihrer Studie Resilienzeffekte. Diesen wird in der Forschung zum Pflegekinderwesen eine immer bedeutendere Rolle zuerkannt.

In der vorgestellten Untersuchung werden inter- und externale Schutzfaktoren untersucht, wobei die Schutzmechanismen in besonders gravierenden Belastungssituationen im Fokus stehen. Hinweise auf außergewöhnliche Ressourcen im Umgehen mit kritischen Lebensereignissen können sozialen Diensten hilfreiche Erkenntnisse für die Praxis vermitteln, so die These. Im Mittelpunkt der Datenerhebung steht hier ein narrativer (Erzählen der Lebensgeschichte) und ein fokussierter Interviewteil (gezielte Befragung nach Schlüsselerlebnissen der Lebensgeschichte).

Auch im Sozialsystem Belgiens führt die föderale Organisation sowie die Aufteilung nach Regionen (Flandern, Wallonien und Brüssel) zu bedeutenden Unterschieden. So blickt beispielsweise Flandern auf eine lange Tradition im Pflegewesen zurück. Dort werden seit dem 18. Jahrhundert Kinder in Pflegefamilien betreut und der Inpflegenahme von behinderten Kindern kommt seit jeher eine besondere Bedeutung zu. Diese Tradition spiegelt sich auch heute: Während in der flämischen Region die Fremdbetreuung in Pflegefamilien und Institutionen in etwa gleich verteilt ist, werden in Wallonien Kinder verstärkt institutionell betreut. Professor Dr. Hans Grietens (Universität Leuven) referierte über ein Phänomen, welches in der Form wahrscheinlich einzigartig ist: In beiden Regionen befindet sich jeweils eine Stadt, in welcher Pflegefamilien überrepräsentiert sind: So betreuen in Geel 360 Familien 450 Patienten mit psychiatrischen Problemen. In Liernieux, im wallonischen Teil, betreuen Pflegefamilien seit 1884 Personen mit psychiatrischen Symptomen, zum heutigen Zeitpunkt leben 130 Menschen aller Altersgruppen in 80 Pflegefamilien. Als bedeutende Herausforderungen der nächsten Jahre betrachtet Professor Dr. Hans Grietens vorrangig die Erstellung von Langzeitstudien, die auf einer größeren, repräsentativen Stichprobe basieren, wissenschaftliche Begleitstudien zum Matching (Platzierung) sowie die Ursachenforschung zum Abbruch von Pflegeverhältnissen.

Professorin Dr. Zofia Waleria Stelmaszuk (Universität Warschau) aus Polen sieht die Zukunft des polnischen „Kinderfürsorgesystems“ im Pflegekinderwesen. Die Zentralisierung der „Kinderfürsorge“ begann mit dem Einsetzen des Kommunismus und führte zur Schaffung von großen Kinderheimen. Das Modell der Familienpflege galt als überholt. Die demokratischen Veränderungen in den letzten fünfzehn Jahren führten dann jedoch zur Wiedereinführung und Unterstützung eines familienähnlichen Typs von „Kinderfürsorge“. Die Familie als Lebensgemeinschaft hatte in Polen, gestärkt auch durch die Bedeutung der katholischen Kirche, eine besondere Gewichtung. Nach der Zählung von 2003 befanden sich von 108.000 fremdbetreuten Kindern 44% in Pflegefamilien, 22 % in Institutionen und 34% in Internaten. Die Verwandtschaftspflege ist mit 85 % die bedeutendste Form der Inpflegenahme. Nichtverwandte (14%) und professionelle Pflegefamilien (2%) spielen eine untergeordnete Rolle. Diese Zahlen werden in anderen Ländern nicht annähernd erreicht. Die Referentin hob die Wichtigkeit der internationalen Kooperation im Pflegekinderbereich hervor; der Vergleich mit westeuropäischen Forschungsergebnissen führt zu einer Qualitätsverbesserung des Pflegewesens. Als bedeutendes und spezifisch polnisches Problem betrachtet Zofla Stelmaszuk die Rolle der Familiengerichte, wobei der Mangel an Zusammenarbeit mit den Sozialdiensten qualitätsvermindernd wirkt. Zudem warten Kinder unverhältnismäßig lange auf Gerichtsentscheidungen. Neben den klassischen Pflegefamilien wird seit 2004 versucht, professionelle Pflegefamilien zu motivieren, die dann Kinder mit ganz spezifischen Verhaltensstörungen aufnehmen. Für eine substanzielle Verbesserung der Qualität des Pflegewesens erachtet Frau Stelmaszuk folgende Schwerpunkte:

  • Unterstützung und Ausbau der Vereinigung von Pflegefamilien
  • Koordinierung der verschiedenen Betreuungsformen
  • Förderung der Forschung im Pflegefamilienwesen; dies könnte zu einer stärkeren Position dieser Betreuungsform bei Politikern führen.

Wie in der Einleitung schon erwähnt, führten bedeutende Fehlentwicklungen in der institutionellen Betreuung von Kindern in den 1980er-Jahren (spektakuläre Fälle von Kindesmissbrauch) zu einer Stärkung des Pflegefamilienwesens in England. Dort werden 70 % der fremdbetreuten Kinder und Jugendlichen von Pflegefamilien betreut. Europaweit wohl der höchste Prozentsatz. Diese Veränderungen führten dann aber auch dazu, dass besonders problematische Kinder und Jugendliche mit teilweise delinquentem Verhalten aus besonders schwierigen Lebenslagen, aus überforderten und zerrütteten Familien, welche früher institutionell betreut wurden, dann vorrangig von Pflegefamilien aufgenommen wurden. Infolgedessen steigern sich auch die Anforderungen an die Kompetenzen der Pflegefamilien. Die Politik förderte durch die Einführung des „Children Act“ im Jahre 1989 in besonderem Maße die Adoption von Kindern in Pflegefamilien, die Zurückführung von Kindern in ihre Herkunftsfamilie und die Förderung der Kompetenzen der Eltern. Die allmähliche Abwendung von Heimunterbringungen verlief parallel zur Förderung der professionellen Betreuung der Pflegefamilien.

In England führen Gerichtsbeschlüsse zu einer Fremdbetreuung, die Entscheidung, ob ein Kind von einer Institution oder einer Pflegefamilie aufgenommen wird, liegt dann aber bei den Mitarbeitern der Sozialdienste. Das englische Gesundheitswesen begrenzt Fremdunterbringung auf Kinder aus besonders gefährdeten Lebenssituationen. Derartige politische Weichenstellungen beeinflussen in besonderem Maße die Lebensgeschichte von Kindern und ihren Familien und bestätigen die in der Einleitung dargestellte Überlegung, dass es nicht ausschließlich die Problematik der Familie per se ist, welche zur Fremdbetreuung eines Kindes führt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist dies doch eine bemerkenswerte und zugleich eine bedenkliche Erkenntnis.

Befindet sich ein Kind länger als vier Monate in fremder Obhut, wird ein langfristiger Hilfeplan aufgestellt. Dabei werden Adoption einerseits oder der Zurückführung in die Herkunftsfamilie andererseits Priorität eingeräumt. Neuerliche Forschungen unterstützen unmissverständlich die Ausarbeitung von Betreuungsstandards, um die realen Bedürfnisse von Pflegekindern zu erkennen, so die ReferentInnen. In Bezug auf theoretische Ansätze im Pflegekinderwesen in England sind die Konzepte von Bindung, Identität, Resilienz und Trauma von besonderer Bedeutung, so die Referentin Dr. Nina Biehal (Universität York). Forschung wird in England zumeist von politischen Entscheidungsträgern finanziert, und so sind sie meist sehr praxisorientiert (Rolle der Pflegekindschaft, Vergleich mit Adoption und Institution, Einflussfaktoren für den Erfolg der Maßnahme u.a).

Von zentralem Interesse sind für Professor Dr. Ian Sinclair (Universität York) die Erwartungen der Pflegekinder an die Maßnahme. Sie wünschen sich Normalität, den Respekt ihrer Herkunft, eine „gute“ Pflegschaft und vor allem die Möglichkeit Einfluss zu nehmen auf Entscheidungen, die ihr Leben betreffen. Weiter erwarten sie, dass ihnen verschiedene Möglichkeiten einer persönlichen Lebensgestaltung offenstehen. Viele Untersuchungen und Konzepte fokussieren auf Kinder mit erheblichen emotionalen Belastungen, die vernachlässigt oder missbraucht wurden. Professor Ian Sinclair hat die Untersuchungen strukturiert und Kategorien herausgearbeitet, welche den Pflegeverlauf entscheidend beeinflussen. So ist die Persönlichkeit des Kindes eine der untersuchten Variablen, die zudem mit anderen Faktoren interagiert: Das Alter des Kindes spielt eine Rolle, seine Erwartungen und seine bisherigen Verhaltensweisen. Im Falle von älteren Kindern, die sich keine Pflegefamilie wünschen und verhaltensaufällig sind, reduziert sich die Aussicht auf einen stabilen Verlauf der Maßnahme.

Aber auch die Persönlichkeitsmerkmale der Pflegeeltern haben einen entscheidenden Einfluss. Ein verbindlicher Erziehungsstil („authoritative“), Warmherzigkeit, Einfühlsamkeit, die Bereitschaft zuzuhören, aber auch Erwartungen unmissverständlich zu kommunizieren erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Gelingens der Inpflegemaßnahme. Es gibt keine repräsentativen Studien über die doch sehr fundamentale Frage, ob die Pflegestellen eine Familie fürs Leben bieten können. Es scheint, dass nur die Adoption diese Sicherheit bieten kann, so der Referent. Einig sind sich die Forscher, dass eine sehr komplizierte „Chemie“ zwischen Pflegekind und Pflegefamilie besteht. Könnte diese entschlüsselt werden, wären die Aussichten auf eine positive Entwicklung doch sehr erhöht.

Spanien gliedert sich administrativ in 17 Autonome Gemeinschaften oder Regionen, vergleichbar den deutschen Bundesländern, und zwei autonomen Städten. Dies führt zu unterschiedlichen Praktiken und Reglementierungen bei den Sozialämtern. Neben den klassischen Maßnahmen der Inpflegenahme besteht die Pflegschaft für Kinder bezogen auf den Zeitraum vor einer Adoption. Seit den 1980er-Jahren wird die Familienpflege als positive Alternative zu der Heimeinweisung gesehen. Da die Familienzusammenführung absolute Priorität genießt, stuft der Gesetzgeber die lnpflegenahme von Kindern als Intervention ein, die diesem Ziel am ehesten gerecht werden kann. Umso erstaunlicher ist aber die Feststellung, dass laut einer Erhebung aus dem Jahre 2002 die meisten Kinder noch immer von Heimen (45,3 %) oder aber von Verwandten (46,8 %) aufgenommen werden, die nichtverwandte Familienpflege spielt nur eine untergeordnete Rolle (7,9 %). Diese Verhältnisse spiegeln sich auch in den Forschungsprojekten wider. Eine einzige Studie im Bereich der Familienpflege zu einem - von einer Privatbank finanziertem - Projekt „familias canguro“ (baby-sitting Familien) steht einer Vielzahl an Forschungsprojekten im Heimbereich gegenüber, so der Referent Prof. Dr. Jorge Del Valle, Universität Oviedo.

In Holland führten die „Youth Care Acts“ aus den Jahren 1989 und 2007 zur Anerkennung sowohl des Pflegekinderwesens als Alternative bei der Fremdbetreuung von Kindern als auch der Pflegeämter als Begleitungs- und Beratungsinstanz für Pflegefamilien, Pflegekinder und Herkunftseltern. Aktuell werden dennoch mehr Kinder in Heimstrukturen (59 %) als in Pflegefamilien (41 %) betreut. Die Adoption ist grundsätzlich nicht erlaubt, familienstützende Maßnahmen haben oberste Priorität. So ist es folgerichtig, dass sich viele theoretische Konzepte in Holland zum Thema Bindung, Verlust, Bedeutung der persönlichen Biografie und Kooperation mit der Frage befassen, inwiefern die Herkunft eines Kindes erhalten und gestützt werden kann. Schwerpunkte der Forschung seit 1963 sind die Risikobewertung zum Abbruch von Pflegeverhältnissen und das Matching. So werden die Faktoren untersucht, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Erfolg der Pflegemaßnahme führen. Hierzu gehört im Besonderen die Entwicklung von Kriterien bei der Auswahl von Pflegefamilien. Die Referenten des Vortrags, die Dr. E. Knorth und Professor Dr. Piet Strijker (Universität Groningen), erwähnen immer wieder die Wichtigkeit von wissenschaftlich anerkannten Instrumenten, so z.B. des Casey Home Assessment Protocol (CHAP), ein Set von standardisierten Beurteilungsmethoden von Pflegefamilienbewerbern während der Auswahlprozedur.

Im Anschluss an die jeweiligen Vorträge belebte der Austausch zwischen den Teilnehmern, angeregt durch die sachkundige Moderation von Josef Koch (IGfH, FICE Deutschland), beständig die Debatten.

Zum Schluss der Veranstaltung wurde auch ein Ausblick gewagt: Die TeilnehmerInnen der Konferenz vereinbarten, sich in regelmäßigen Zeitabständen zu treffen und den Austausch an Forschungsergebnissen voranzutreiben. Thematisch sollen in den nächsten Jahren Fallstudien sowie die Theorie- und Konzeptdiskussion Schwerpunkte sein und punktuell Fragestellungen von allgemeinem Interesse wissenschaftlich untersucht werden (z. B. Netzwerk für Pflegefamilien, Qualifizierung). Die Gruppe, so die einhellige Meinung, sollte sich auch mit den Fragen befassen, inwiefern Untersuchungsergebnisse auf andere Länder übertragbar sind. Des Weiteren sollten Überlegungen geführt werden, ob der wissenschaftliche Austausch prioritär der Erarbeitung von theoretischen Konzepten dient oder aber der Weitervermittlung dieser Forschungsergebnisse an soziale Ämter - und damit einen praxisbezogenen Ansatz wählen würde.

Robert Theisen, Leiter des Service de Placement Familial Luxemburg, FICE Luxembourg, Rue Charles Martel Nr. 64, L-2134 Luxembourg,
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Internet: http://www.foster-care-research.org

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